Uralte Bäume vs. klimaschädliche Braunkohle – Konflikt Hambacher Forst

Energie Produktion

Der Hambacher Forst wird seit sechs Jahren von Klimaaktivisten und Umweltschützern besetzt. Sie kämpfen um die letzten zehn Prozent des verbliebenen Waldes im Rheinland – einst war er einer der größten Mischwälder Europas, der seit der jüngsten Eiszeit existiert. Doch auch Besetzung und Proteste halten Energieriese RWE nicht davon ab, mehr als 100 von den restlichen 200 Hektar Wald im Oktober zu roden, damit der Braunkohleabbau im Tagebau Garzweiler weitergehen kann. Das Unternehmen hat hierfür Ende August die Räumung des Waldes angekündigt. Es entsteht eine gewalttätige Konfrontation zwischen Umweltschützern, Demonstranten und Polizei, die mit dem bisher größten Aufgebot in ganz Nordrhein-Westfalen anrückt, um die Aktivisten nach und nach von ihren Baumhäusern zu holen und diese abzureißen.

Der Kampf um den Hambacher Forst

4.100 Hektar groß war er einst, 3.900 Hektar sind bereits gerodet und nun geht es um den verbliebenen kleinen Streifen des Hambacher Forstes zwischen Aachen und Köln, der auch noch abgeholzt werden soll. 

Die über hundert Umweltschützer lebten seit 2012 in den selbstgebauten Baumhäusern auf 29 Metern Höhe, unterteilt in verschiedene „Viertel“, da es so viele geworden waren. Ihr Ziel: Den Lebensraum von Tieren und Pflanzen zu erhalten. Er besteht nämlich aus dem naturschutzrechtlich sehr wertvollen Maiglöckchen-Stieleichen-Hainbuchenwald, mit mehr als hundert Vogelarten, zehn Fledermausarten, Amphibien und Haselmäusen. Diese Vielfalt gibt es nur noch in wenigen Wäldern in Europa.

Die AktivistInnen hatten in ihrem Zuhause Duschen, Toiletten und Solarpanele für Strom, einige hatten Fenster und Öfen. In der Gemeinschaftsküche wurde das Essen zusammen zubereitet, Vorräte waren hier genügend vorhanden, dass die Umweltschützer über Monate autark und in einer Gemeinschaft wohnen konnten. „Es lässt sich hier wunderbar leben“, erklärte einer der Aktivisten. „Ich will nicht mehr zurück.“ Eine andere sagte: „Hiermit kann ich ein Zeichen setzen – gegen Klimawandel und Kapitalismus. Das ist wichtiger als studieren.“

Im September gibt das nordrhein-westfälische Innenministerium grünes Licht: 51 Baumhäuser sollen von der Polizei „aus Brandschutzgründen“ geräumt und die Aktivisten vertrieben werden, damit die Rodung seitens RWE beginnen kann. Das Campen ist zudem Hausfriedensbruch.

Braunkohle heizt Klimawandel weiter an – mehr nicht

Neben dem umstrittenen Waldstreifen ist die riesige Fläche des Braunkohlewerks von RWE Arbeitsplatz für rund 1.400 Menschen. Der Energiekonzern benötigt mehr Land für größere Stromerzeugung und verspricht damit neue Arbeitsplätze, auch für künftige Generationen. Nicht nur der Wald soll hierfür gerodet werden, auch über 1.000 Jahre alte Ortschaften müssen dem Tagebau weichen. Die rund 800 Bewohner, die in dem Ort leben, sollen bis 2028 wegziehen. 

Seit diesem heißen Sommer in Deutschland mit seiner extremen Dürre und mehreren Hitzewellen machen sich viel mehr Menschen Sorgen um den Klimawandel. Und damit hat sich auch das Bild von Energieriese RWE gewandelt. Das Unternehmen tut alles gegen den schlechter werdenden Ruf – Informationsveranstaltungen sollen Menschen zeigen, was RWE Positives macht. Ohne Kohlekraftwerk habe Deutschland nicht genügend eigen-produzierten Strom zur Verfügung. Abgesehen von den vier bis fünf Milliarden Euro Einbußen, die das Unternehmen machen würde, bliebe der Wald stehen.

Klimaziele? Klar, aber doch nicht jetzt

Über die Hälfte, also 62 Prozent unserer Stromversorgung stammen jährlich aus nicht-erneuerbaren Energien. Aber: Wir produzieren insgesamt auch 53 Milliarden kwh Strom zu viel; was wir nicht benötigen, wird exportiert. Denn langfristig speichern kann man den Strom nicht. Braunkohle gilt zudem als der schmutzigste Energieträger überhaupt, der CO2-Ausstoß ist um 60 Prozent höher als der von Erdgas beispielsweise. Nur durch weniger Braunkohlekraftwerke kann Deutschland das sektorale Klimaschutzziel für 2020 und 2030 erreichen. Die Klimaziele hat die Bundesregierung im Abkommen von Paris unterschrieben und sich damit vertraglich verpflichtet, sie auch einzuhalten. 

Erneuerbare Energien können uns komplett in Zukunft versorgen, wir brauchen nicht nur weniger Braunkohle, sondern gar keine. Der Bund kann durch einen geordneten Kohleausstieg Milliarden einsparen und das ist auch geplant. Selbst bei einem beschleunigten Kohleausstieg wäre die Versorgungssicherheit im deutschen und europäischen Stromsystem weiterhin gewährleistet, belegt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Doch die Umstellung dauert noch, denn bislang sind bei Weitem nicht genügend Anlagen installiert. So wird sich der Strompreis zunächst erhöhen, obwohl die Stromproduktion langfristig deutlich günstiger sein wird. Also, der Ausstieg aus der Braunkohlenutzung ist zwar bereits beschlossene Sache, nur die Frage wann, bleibt weiterhin offen. Und was bringe es, erst den Wald zu roden, um kurz darauf den Kohleabbau zu verbieten, fragen sich viele.

Kritiker finden die Parallelen zum Beginn des Atomausstiegs in den Achtzigerjahren verblüffend: Auch damals seien die Energiekonzerne im Recht gewesen, auch damals habe die Regierung Protestcamps im Wald von der Polizei abreißen lassen und Demonstranten vertrieben. Politisch aber hatte der Atomstrom verloren. Der Ausstieg kam. Doch da war der Wald bei Wackersdorf schon gerodet. (Die Zeit, 05.09.2018)

„Eskalation der Gewalt“

Wochenlang hört, sieht und liest man nichts anderes als über den Hambacher Forst. Zahlreiche Menschen wollen sich vor Ort ein Bild machen, suchen das Gespräch mit den Aktivisten und bringen ihnen Essen. Alles geht zunächst harmonisch zu. Der Innenminister NRWs Herbert Reul (CDU) hatte vor „extrem gewaltbereite(n) Linksextremisten aus allen Teilen Europas“ gewarnt. Damit waren aber nicht die Waldspaziergänge der Schaulustigen gemeint. 

Am 13. September rücken 2.000 Polizisten an, sie sichern den Wald ab und der so friedliche Wald wird plötzlich zu einem gefährlichen Ort. Die Protestler haben Angst, denn die Polizei kommt mit Hubschraubern, Wasserwerfern und Hunden. Doch das vertreibt sie nicht. Die Aktivisten haben sich mit Barrikaden gegen das massive Aufgebot vorbereitet. Die meisten sind vermummt, haben Decknamen, damit ihre Identität nicht sofort offen gelegt ist. Keiner von ihnen will Gewalt und eine Eskalation bleibt zwar aus, doch es kommt anders für sie als erhofft.

Während die Polizei dabei ist, die Besetzer von den Bäumen zu holen, formiert sich vor dem Wald der Widerstand. „Wir sind mehr als die, wir durchbrechen die Polizeisperre und suchen uns eine Lücke, um dann in den Wald zu gelangen“, sagt eine Demonstrantin. Fast 7.000 Menschen sind gekommen, um die Aktivisten zu unterstützen. 

Doch die Baumhäuser werden trotzdem nach und nach abgerissen, einige wenige sind bis dato noch verblieben. Die Proteste gehen täglich weiter, werden extremer, Linksradikale kippen Eimer mit Exkrementen auf die Polizei, werfen Molotowcocktails. Steine fliegen, Schüsse fallen. Aktivisten blockieren eine Kohlebahn im Tagebau Hambach, um die Kohlezufuhr in die Kraftwerke zu unterbrechen. Cyber-Attacken und Drohbriefe erreichen RWE. Es gibt Verletzte, ein 27 Jahre alter Journalist verunglückt tödlich, als er von einer Hängebrücke 15 Meter in die Tiefe stürzt, bei dem Versuch jemand anderem zu helfen. Und alles hält RWE nicht auf.

Ein Symbol verfehlter Klimapolitik

Wer jetzt noch seinen Sonntagsspaziergang oder eine Radtour im Hambacher Forst machen will, den erwarten Ausweiskontrollen, Durchsuchungen sowie „Pflichtrouten“. Der Konflikt ist zu einem internationalen Symbol geworden, Medien wie die „New York Times“ oder der „Guardian“ berichten. Aus Solidarität demonstrieren hunderte Menschen in zahlreichen anderen deutschen Städten wie in Freiburg, Aachen, Leipzig oder Hamburg:

Diverse Petitionen und Bürgerbewegungen setzen sich nach wie vor dafür ein, mit Unterschriften den Beschluss zu ändern und den Wald zu retten – bevor es zu spät ist. Vertreter der Bürgerbewegung „Campact“, „Tilt“ sowie der Umweltverbände „Greenpeace“ und „BUND“ haben innerhalb von drei Wochen mehr als 500.000 Unterschriften von Bürgern für den Erhalt des Hambacher Forstes gesammelt. Die nächste große Demonstration ist am 06. Oktober geplant, kostenlose Mitfahrgelegenheiten aus ganz Deutschland vereinen die Demonstranten. Mitte Oktober wird das Oberverwaltungsgericht entscheiden, ob der Wald aus Naturschutzgründen erhalten werden muss. 

Edit: 06.10.2018:

Zehntausende Menschen haben am Samstag (06.10.2018) in Hambach für Klimaschutz und gegen Braunkohle demonstriert. Nach Angaben der Polizei verlief der Protest ohne Zwischenfälle. Das Oberverwaltungsgericht Münster hatte am Tag zuvor einen vorläufigen Rodungsstopp für den Hambacher Forst vorgelegt. Eine endgültige Entscheidung über das Rodungsverbot fällt womöglich nicht vor Ende 2020.

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